Urbane Starthilfe: Erstkäufer von Elektrofahrzeugen leben meist in Städten. Damit erhöhen sie in der Bevölkerung die Sichtbarkeit der neuen Technologie und bringen sie so voran.
Erschienen in: Energy 2.0 April 2010, S. 62
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E-Flitzer für die Stadt

Die Stadt als Katalysator für Elektromobilität

Der urbane Raum ist der ideale Anwendungsfall für Elektromobilität. Die Städte haben daher die Chance, zu einem Katalysator für Elektromobilität zu werden. *  Text: Dr. Wilhelm Bauer, Florian Rothfuss, Fraunhofer IAO Foto: Protoscar

Elektrisch angetriebene Fahrzeuge erlangen in den nächsten Jahren eine zunehmende Bedeutung. Ihrem größten Vorteil, der lokalen Emissionsfreiheit, steht derzeit ein entscheidender Nachteil gegenüber: geringe Reichweiten. Experten sind sich daher einig: Das Elektromobil der nahen Zukunft ist ein Stadtfahrzeug. Vor allem dem urbanen Raum kommt daher eine zentrale Bedeutung hinsichtlich des sinnvollen Einsatzes von Elektromobilen, und damit deren Verbreitung, zu. Der Aufbau von Kompetenzen im Bereich Elektromobilität geschieht heute insbesondere auf dem Gebiet der fahrzeugbezogenen Technologieentwicklung. Vor einem ähnlich großen Wandel wie die Automobilindustrie stehen jedoch auch Städte und Kommunen, Stadtplaner, Architekten, Wohnungsbaugesellschaften, Projektentwickler, Energieversorger und der öffentliche Nahverkehr. Elektromobile Fahrzeugkonzepte ermöglichen und erfordern eine Neupositionierung der Stadtgestaltung, welche die Bausteine Infrastruktur, Prozesse, Organisation und Planung umfasst. Wie die Stadtgestaltung so ausgerichtet werden kann, dass sie die Elektromobilität befördert und die Stadt gleichzeitig von der emissionsfreien Mobilität profitiert, daran arbeitet das Fraunhofer IAO sowohl in öffentlich geförderten Forschungsprojekten als auch in direkter Kooperation mit Partnern aus Industrie und Kommunen unter dem Titel „Elektromobile Stadt“.

Mehr Lebensqualität beim Individualverkehr

Nach Angaben des Umweltbundesamtes werden in Stuttgart am Neckartor pro Jahr an zehn Prozent der Tage die Feinstaub-Grenzwerte überschritten. 65 Prozent der Stadtbevölkerung beklagen sich über die Lärmbelastung durch den Verkehr. Trotz aller Anstrengungen, den Öffentlichen Nahverkehr auszubauen und die Begeisterung des Bürgers für das „Zu Fuß gehen“ oder Fahrradfahren zu wecken, wird die Mehrzahl der Wege – rund 40 Prozent – über den lärm- und abgasverursachenden „motorisierten Individualverkehr“ zurückgelegt. Dies ist ein Ergebnis der Verkehrsstudie „Mobilität in Deutschland“. Und dieser Anteil ist über die letzten Jahrzehnte annähernd stabil geblieben. Stadt- und Verkehrsplaner sind damit vor die Herausforderung gestellt, unter Berücksichtigung der offensichtlich kaum zu ändernden grundlegenden Mobilitätsbedürfnisse der Stadtbewohner und Pendler die Lebensqualität ihrer Städte zu optimieren. Genau diese Chance bekommen die Städte mit den elektromobilen Antriebskonzepten für Fahrzeuge. Ob Pedelec (Elektrofahrrad), Roller, Automobil, Transporter oder Bus: Abgesehen vom Überlandlastverkehr werden batterieelektrische Antriebe von den Herstellern in beinahe jeden Fahrzeugtyp eingebaut und getestet. Natürlich muss auch der Strom für die Antriebsleistung erzeugt werden. Elektromobilität ist damit solange keine CO 2 -neutrale Mobilität, bis unsere Stromerzeugung vollständig auf regenerative Energien umgestellt ist. Viel wichtiger für die Lebensqualität in der Stadt ist jedoch, dass die Elektromobilität schon heute lokal emissionsfrei ist. Eine Stadt die ernsthaft an der Gesundheit und Lebensqualität ihrer Bürger interessiert ist, muss sich damit zwangsläufig mit ihrer Ausrichtung auf die Elektromobilität beschäftigen.

Kommunen lieben Elektromobilität

Nach einer Umfrage aus dem Jahr 2009 haben bereits 20Prozent aller Städte in Deutschland Aktivitäten in Richtung Elektromobilität angestoßen. Bei Städten mit über 100.000 Einwohnern sind es sogar 50 Prozent. Diese Zahlen erstaunen, wenn man in Betracht zieht, dass in Deutschland bislang noch kein rein elektrisches Großserienfahrzeug kommerziell erhältlich ist. Ein zentrales Thema für die Elektromobilität in der Stadt ist die Planung, Entwicklung und der Aufbau einer Ladeinfrastruktur. Wie sich Ladesäulen optimal ins Stadtbild integrieren und auf die Anforderungen der Nutzer anpassen lassen, ist eine der Fragestellungen an die Forschung. Ein Lösungsansatz dafür, der zurzeit vom Fraunhofer IAO gemeinsam mit einem Industriepartner entwickelt wird, ist eine LED-Straßenleuchte mit integrierter Ladesäule. Der Integration von Elektrofahrzeugen in kommunale Fuhrparks und Taxiflotten kommt ebenfalls eine große Bedeutung hinsichtlich der Diffusion von Elektromobilität zu. Mit meist klar definierten Einsatzprofilen und täglichen Fahrstrecken unter 100 km eignen sich Kommunalfahrzeuge hervorragend für das Leistungsprofil der Elektromobilität und stellen für die Bürger die Möglichkeit dar, Elektrofahrzeuge im Alltag zu erleben.

Hohe Sichtbarkeit fördert Technik-Akzeptanz

Nicht nur aufgrund des Leistungsprofils der Elektromobilität ist eine Diffusion der Technologie über die Stadt zu erwarten. So leben auch die sogenannten „Early Adopters“, also Erstkäufer neuer Technologien, meist in Städten. Darüber hinaus kann in Städten mit ihrer hohen Bevölkerungsdichte eine enorme Sichtbarkeit für neue Technologien entstehen – ein wichtiger Einflussfaktor für die Akzeptanz von Technologien. Die hohe Bevölkerungsdichte ist ebenfalls eine Voraussetzung für das Funktionieren von alternativen Betreibermodellen für Fahrzeuge, zum Beispiel das Car-Sharing. Diese Sharing-Konzepte stellen ein interessantes Einsatzfeld für Elektrofahrzeuge dar – ob diese nun selbst in den Fahrzeugpool aufgenommen werden oder aber im Gegenzug ein Elektrofahrzeugbesitzer sich für Langstrecken eines konventionellen Fahrzeuges aus dem Pool bedienen kann. In einer Stadt bestehen darüber hinaus gezielte, lokale Förderungsmöglichkeiten für die Elektromobilität, beispielsweise durch das Schaffen kostenloser Parkplätze oder die Freigabe von Busspuren in der Innenstadt. Eine gewisse Marktdurchdringung vorausgesetzt werden vor allem Städte von der Elektromobilität profitieren. Als die späteren großen Profiteure sollten sie daher bereits heute mit den ihnen zur Verfügung stehenden Möglichkeiten bereit sein, als Katalysatoren für die Elektromobilität zu dienen.☐

Weitere Informationen

  • www.elektromobile-stadt.de

• more@click-Code: E20410056

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