Erschienen in: Energy 2.0 Juni 2011, S. 44
Sonne  |  

„Gaspipelines statt Stromtrassen“

Vorhandene Infrastrukturen nutzen

Aus überschüssiger, dezentral erzeugter erneuerbarer Energie lässt sich Gas erzeugen. Über die schon vorhandene Gas-Infrastruktur kann dieses dann einfach transportiert oder auch in Gaskavernen gespeichert werden. * Rote-Couch-Gespräch: Matthias Willenbacher, Juwi   Fotos: Juwi/Publish-Industry         www.energy20.net/PDF/E20511452

Herr Willenbacher, wie ist Ihre generelle Einstellung zum Thema zentrale oder dezentrale Energieversorgung?

Matthias Willenbacher: Jeder Mensch sollte die Möglichkeit haben, seine Energieform frei zu wählen. Das kann nur dann funktionieren, wenn die Energie dezentral erzeugt wird. Wenn wir zentrale Systeme haben, geben uns die großen Konzerne vor, welche Energieform wir zu nutzen haben. Deshalb sage ich ganz klar: Wir brauchen dezentrale erneuerbare Energien, um uns unabhängig zu machen und uns langfristig stabil und preiswert versorgen zu können.

Matthias Willenbacher, Gründer und Vorstand der Juwi-Gruppe

Ist es nicht viel wirtschaftlicher und effizienter, mit zentraler Energieversorgung zu arbeiten?

Das hört sich im ersten Moment so an, gerade bei Offshore-Wind und großen solarthermischen Kraftwerken in der Wüste, weil da die Potenziale groß sind. Was dabei häufig vergessen wird, sind die widrigeren Umstände. In der Sahara wehen Sandstürme, in der Nordsee haben wir aggressives Salzwasser sowie sehr starke Stürme, die es schwierig bis unmöglich machen, die Anlagen überhaupt zu warten. Und dann müssen wir den Strom von der Sahara oder der Nordsee ja auch irgendwie zum Verbraucher bringen. Dazu brauchen wir einen enormen Netzausbau, der Milliarden an Euro verschlingt. Und wir müssen durch Länder, die heute instabil sind und am Ende, wenn alle Zollgebühren entrichtet worden sind, durch die hohen Transportkosten den Strom definitiv teurer machen, als wenn man ihn direkt vor Ort in den Regionen herstellt. Entscheidend ist doch nicht, was die Kilowattstunde bei der Erzeugung kostet, sondern beim Verbraucher am Zähler.

Wie können die volatilen erneuerbaren Energien die Grundlast sichern?

Grundlast ist schon mal der falsche Begriff. Wir müssen Ener-gie bedarfsgerecht zur Verfügung stellen. In Zukunft lässt sich der Verbrauch sicher auch ein Stück weit in Zeiten verschieben, wo wir mehr Wind- und Solarenergie zur Verfügung haben. Eine solche Lastverschiebung, aber auch die Speicherung von Strom können wir technisch einfach lösen. Mit Windstrom lässt sich beispielsweise großtechnisch Wasserstoff und schließlich Erdgas erzeugen; ein Pilotprojekt dieser Art haben wir in der Morbacher Energielandschaft laufen. Auf diese Weise kann man die umfassende und weit verzweigte Erdgas-Infrastruktur nutzen, die es ja bereits gibt. Deutschland verfügt über riesige Gaskavernen, aus denen wir uns mehr als 100 Tage versorgen können. Wenn wir das nutzen, können wir BHKWs in allen Größen umweltfreundlich betreiben und damit Strom und Wärme erzeugen.

Also lieber vorhandene Gasnetze und Gasspeicher nutzen als neue Stromleitungen bauen?

Warum sollen wir Strom über lange Strecken transportieren, wenn es nicht sein muss und wir die Netze dazu gar nicht haben? Gas, das wir aus überschüssigem Strom von regionalen Windenergieanlagen herstellen, lässt sich dagegen sehr einfach transportieren und speichern, da diese Netze ja bereits vorhanden sind. Und deshalb rate ich all denen, die vielleicht bald den Bau einer Hochspannungsleitung vor ihrer Tür haben, sich alles noch einmal genau anzuschauen. Vielleicht gibt es ja Alternativen zur Hochspannungsleitung durch den Thüringer Wald – eben vielleicht das Erdgasnetz, das schon verlegt ist.

Dennoch scheint der Aufbau intelligenter Netze unausweichlich. Wie überzeugt man Bürger von technisch notwendigen Erweiterungen?

Der Knackpunkt ist die Zentralität des Systems: An einer Stelle profitieren einige Menschen vielleicht davon, viele andere werden aber durch die Leitungen, die verlegt werden, belastet. Damit kann man keinen Konsens erzielen. Mit dezentraler erneuerbarer Energie, also Windkraft-, Solar-, Bioenergieanlagen in der Region, kann man, mit Speichermöglichkeiten kombiniert, den Menschen vor Ort direkt Vorteile bieten, zum Beispiel lokale Wertschöpfung, Arbeitsplätze sowie sauberen und zudem noch günstigen Strom.

Die Menschen identifizieren sich mit der Energieversorgung, der Strom kommt nicht mehr einfach aus der Steckdose, -sondern aus der Anlage von nebenan, und dann werden solche Projekte sehr gut akzeptiert. Unsere Erfahrungen sind da sehr positiv.

Welche Lösungen realisieren Sie hier heute schon?

Ab Herbst werden wir ein Juwi-Home-Power-System anbieten: Ein kleines Miniblockheizkraftwerk, ein Batterieblock, eine Photovoltaikanlage auf dem Dach und im Idealfall vielleicht sogar ein Elektroauto vor der Tür. Damit kann ein Haus-eigentümer eine Familie vollkommen unabhängig von Netzen oder konventioneller Energie machen und die Angehörigen autark mit sauberer und günstiger Energie versorgen.

Wie sieht die Investitionsfreudigkeit der Bürger aus?

Menschen sind immer stärker bereit, in erneuerbare Energien zu investieren. Die Nachfrage ist gerade nach Fukushima enorm gestiegen, weil Menschen in erneuerbaren Energien die Zukunft sehen. Zugleich zeichnet sich beim Strom ein klarer Preistrend ab. Wir haben auf Grund der zunehmenden Weltbevölkerung eine steigende Nachfrage nach Energie, gleichzeitig haben wir schwindende Ressourcen. Da ist klar, dass die Preise für fossile Energien sowie für Atomenergie steigen werden, und das sehr schnell. Erneuerbare Energien stehen dagegen unendlich und kostenlos zur Verfügung und sind dementsprechend günstiger.

Das Gespräch führte Kilian Müller, Verleger des Publish-Industry Verlags, in dem Energy 2.0 erscheint. ☐

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